Veröffentlicht am: 18.04.11

Internet ist Kindersache

Jutta Croll, Sven Weber, Stiftung Digitale Chancen
Quelle: eigener Bericht

Gemeinsam mit der E-Plus Gruppe veranstaltet die Stiftung Digitale Chancen in regelmäßigen Abständen die UdL Digital Roundtable - Gespräche zur Digitalen Integration, dabei werden aktuelle Themen und Fragestellungen der digitalen Gesellschaft behandelt. Im Vorfeld eines jeden UdL Digital Roundtable findet eine Onlineumfrage zum Gesprächsthema statt, bei der die Teilnehmenden gebeten werden, ihre Meinung zu fünf provokanten Statements abzugeben. So entsteht ein Stimmungsbild, das im folgenden Roundtable-Gespräch durch die eingeladenen Expertinnen und Experten ergänzt und erörtert wird. Online- und Offlinekommunikation werden zueinander in Beziehung gesetzt, die Debatte wird über den Kreis derjenigen, die anwesend sein können, hinaus geführt.

Digitale Medien spielen in allen Bereichen der Gesellschaft eine zunehmend wichtige Rolle - auch und gerade für Kinder und Jugendliche. Vor allem soziale Netzwerke werden besonders häufig von jungen Menschen genutzt. Das stellt Erwachsene mit Erziehungsverantwortung vor neue Herausforderungen: Wie kann die Aufsichtspflicht im Internet wahrgenommen werden? Müssen Eltern die Kontakte ihrer Kinder überprüfen, oder verstoßen sie damit gegen das Briefgeheimnis?

Diese Fragen waren Gegenstand des UdL Digital Roundtable-Gesprächs am 23. März 2011. Unter dem Titel Kinderrechte und Elternpflichten in der digitalen Gesellschaft' hatten im Vorfeld der Veranstaltung einige hundert Kinder und Erwachsene an der Onlineumfrage teilgenommen.

Fünf Statements, die das Thema einmal aus der Perspektive von Kindern und einmal aus der Perspektive Erwachsener behandelten, standen vom 8. Februar bis zum 17. März online zu Diskussion. Insgesamt wurden 504 Bewertungen und 307 Kommentare von Kindern abgegeben, während die Beteiligung der Erwachsenen mit 132 Bewertungen und 82 Kommentare geringer ausfiel. Die Statements waren so formuliert, dass mögliche Konfliktpunkte identifiziert und gegenübergestellt werden konnten.

Das erste Statement befasste sich mit der gesellschaftlichen Relevanz der Internetnutzung. Ungefähr zwei Drittel der Kinder stimmen der Aussage zu, "Meine Eltern finden es wichtig, dass ich das Internet nutze", und geben eher pragmatische Gründe dafür an: Das Internet sei wichtig für die Schule, für das weitere Leben und es sei eine reichhaltige Informationsquelle. Mehr als die Hälfte der Eltern stimmt dem Statement "Kinder haben ein Recht auf 'freien' Internetzugang" zu, wobei vor allem darauf hingewiesen wird, dass ein freier Zugang zum Internet eine wesentliche Voraussetzung für Teilhabegerechtigkeit in der modernen Gesellschaft sei.

92,6% der Erwachsenen stimmen dem zweiten Statement zu, dass die "Vermittlung von Medienkompetenz eine wichtige Erziehungsaufgabe von Eltern" sei. Allerdings wurde in den Kommentaren auf fehlende Kenntnisse der Erwachsenen und die damit einhergehende Verunsicherung hingewiesen. Das deckt sich mit der Wahrnehmung der Kinder, von denen 82,3% angeben, sich im Internet besser auszukennen als ihre Eltern.

Nicht überraschend: Die eigene Privatsphäre ist den Kindern ein wichtiges Anliegen. 83,6% der Kinder sind der Meinung, dass ihre Kontakte und Nachrichten ihre Eltern nichts angehen. Rückendeckung erhalten sie von 48,8% der Erwachsenen, die ebenfalls finden, dass die Privatsphäre der Kinder geschützt sein müsse. Selbst die 38,1% der Erwachsenen, die meinen, dass Eltern die Kontakte und Nachrichten kontrollieren sollten, verweisen darauf, dass gegenseitiger Austausch und Vertrauen besser seien als Kontrolle.

75,9% der Kinder sind allerdings froh, dass ihre Eltern nicht immer wissen, was sie im Internet machen. Darin scheint sich sowohl das Bedürfnis nach Privatsphäre als auch das geringe Vertrauen der Kinder in die Beurteilungsfähigkeit der Eltern widerzuspiegeln. 60% der Erwachsenen sind der Ansicht "Eltern müssten durch geeignete Maßnahmen sicherstellen, dass ihre Kinder im Internet nichts Illegales tun". Grund dafür ist die Schutzbedürftigkeit der Kinder. Nach Ansicht von 78,9% der teilnehmenden Erwachsenen haben Kinder ein Recht darauf, vor Gefahren im Internet geschützt zu werden. Doch falls dies misslingt und Kinder ungeeigneten Inhalten ausgesetzt sind, stellt sich die Frage, wie sie diese verarbeiten können. Erwachsene gelten hier nicht als Ansprechpartner erster Instanz, nur 48% aller teilnehmenden Kinder sprechen mit ihren Eltern, wenn sie im Internet Sachen sehen, die ihnen nicht gefallen.

Sowohl Kinder als auch Eltern brachten in der Onlinediskussion die Meinung zum Ausdruck, dass etwaige Konflikte bei der Wahrnehmung von Elternpflichten und Kinderrechten sich am besten durch gegenseitig entgegengebrachtes Vertrauen lösen lassen. Voraussetzung dafür ist allerdings auch eine ausreichende Medienkompetenz der Eltern, damit diese für ausreichende Schutzmechanismen sorgen können.

Auf Basis dieser Ergebnisse diskutierten am 23. März rund 50 Experten und Expertinnen im Rahmen des UdL Digital Roundtable - Gespräche zur Digitalen Integration in den Räumen der E-Plus Gruppe Unter den Linden zum Thema Kinderrechte und Elternpflichten in der digitalen Gesellschaft'.

Nach einem Impulsreferat von Martin Drechsler (Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V.) zu den rechtlichen Grundlagen des Eltern-Kind-Verhältnisses zeigte der Grundschul-Blogger Martin Riemer zusammen mit David und Julia, die beide die Karl-Weise-Grundschule in Neukölln besuchen, was Kinder heutzutage im Internet alles machen. Neben Bloggen gehört dazu natürlich vor allem die Kommunikation in sozialen Netzwerken.

Soziale Netzwerke und deren Nutzung durch Kinder standen daher zuerst im Mittelpunkt der Expertendiskussion. Anlässlich der aktuellen Mobbingvorfälle und der Indizierung der Internetseite www.isharegossip.com verwies Philippe Gröschel von VZNetzwerke Ltd. darauf, dass die Anonymität der wesentliche Unterschied zwischen klassischen sozialen Netzwerken und www.isharegossip.com sei. Während den Nutzern der Netzwerkportale der VZ-Gruppe eine klare Identität zuzuordnen sei, liege die Gefahr von www.isharegossip.com vor allem in der Möglichkeit anonymer Nutzung, aber es gebe selbstverständlich auch im VZ-Netzwerk Mobbingfälle. Die Anbieter sozialer Netzwerke setzen überwiegend auf bewährte Mechanismen, um dem entgegenzuwirken. So beschäftigt die Plattform www.SchuelerVZ.de drei Medienpädagogen, die bei über die Plattform ausgetragenen oder durch die Plattform induzierten Konfliktfällen als eine Art Online-Streetworker vermittelnd und unterstützend eingreifen können.

Dr. Claudia Lampert vom Hans-Bredow-Institut informierte über die Ergebnisse der Studie "EU-Kids Online" und bestätigte, dass die Anonymität eine große Rolle spiele. Fälle von Online-Mobbing hätten aber häufig ihren Ursprung im Offline-Leben und würden lediglich online fortgesetzt.

Die begriffliche Trennung von Offline- und Onlinewelt kritisierte Peter Kusterer (IBM Deutschland) als nicht mehr zeitgemäß, das Internet sei heute Teil der realen Welt.

Da Online-Mobbing Im Unterschied zu klassischem Bullying vor einer entgrenzten Öffentlichkeit stattfindet, müssten Eltern nach Meinung von Norbert Hocke (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) qualifiziert werden, um diese neue Dimension der Gefährdung ihrer Kinder beurteilen zu können.

Prof. Dr. Helga Theunert wies darauf hin, dass Medien schon immer ein konfliktträchtiger Bereich im pädagogischen Verhältnis zwischen Eltern und Kindern waren. Es sei wichtig, zwischen den reinen Bedienfertigkeiten und dem Verständnis der reflexiven Struktur des Internets zu unterscheiden. Dieses Verständnis besitzen nach ihrer Ansicht viele Eltern nicht, so dass ihnen ein wesentlicher Baustein der Medienkompetenz fehle. Qualifizierungen für Eltern in diesem Bereich seien daher unerlässlich. Hans-Uwe Daumann vom Verein medien+bildung.com unterstützte diese These und verwies hierzu auf die Angebote des Vereins medien+bildung.com zum intergenerationellen Lernen, während Cordula Lasner-Tietze auf den vom Deutschen Kinderschutzbund angebotenen Elternkurs "Wege durch den Mediendschungel" aufmerksam machte.

Mangelnde Medienkompetenz der Eltern wurde schließlich als Hauptproblem im Spannungsfeld Kinderrechte-Elternpflichten identifiziert. Viele Eltern wissen kaum, was ihre Kinder im Internet machen und sind deshalb nicht in der Lage, die Grenzen der Internetnutzung ihrer Kinder festzulegen. Die anwesenden Kinder waren sich aber mit den anwesenden Expertinnen und Experten darin einig, dass der Stubenarrest des 21. Jahrhunderts, das Internetverbot, nur selten als Erziehungsmaßnahme angewandt wird und aus pädagogischen Gründen nicht sinnvoll erscheint. Das pädagogische Prinzip, dass eine Erziehungsmaßnahme immer einen Bezug zur Ursache aufweisen sollte, hat auch im Informationszeitalter Bestand.

Es herrschte auch Einigkeit darüber, dass zwar bereits einige Elternqualifizierungsinitiativen existieren, dass es in diesem Bereich allerdings noch großen Nachholbedarf gibt. Eine Bestandsaufnahme der verfügbaren Angebote und darauf aufbauend weitere Qualifizierungsprogramme für Eltern wurden als sinnvoll erachtet, um Eltern bei der eigenen Internutzung und der ihrer Kinder zu unterstützen.




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